Grüna unter amerikanischer Besatzungsmacht










Unser Ortschronist Christoph Ehrhardt hat die Wochen vor und nach Ende des Zweiten Weltkrieges recherchiert und mit eigenen Erlebnissen ergänzt.

Mit dem Einmarsch amerikanischer Kampftruppen und der Besetzung unseres Ortes am 16.April 1945 ging für die Einwohner in Grüna der Krieg zu Ende. Sie kamen aus den bereits besetzten Gebieten Thüringens und Sachsens und stießen weiter Richtung Chemnitz vor. Die Bewohner des Grünaer Berges erlebten, wie die Truppen in gebückter Haltung mit der Waffe im Anschlag und begleitet von leichten Militärfahrzeugen aus dem Wald von Wüstenbrand her kamen und die Häuser an der Oberen und Unteren Bergstraße, danach die Hindenburgstraße (Damaschkestraße) kampflos besetzten. Wir Kinder im Alter von 8 bis 14 Jahren standen am Ende der Bergstraße und konnten alles gut verfolgen. Sie taten uns nichts, während die Erwachsenen in den Häusern blieben und manche weiße Tücher als Zeichen des Friedens herausgehängten.

Bürger im unteren Ortsteil berichteten, dass bereits am 15.April aus Richtung Wüstenbrand/Mittelbach über die Felder im Wiesengrund schwere Panzer vorrückten. Sie erschienen am unteren Ortsende in der Nähe des Sommerbades und besetzten auch den Fußballplatz im Wiesengrund. (Dort wurden bei Bauarbeiten 1988/89 mehrere Flakgranaten gefunden.) Die Kampfeinheiten hatten das Ziel, weitere westlich von Chemnitz gelegene Vororte einzunehmen.

Grüna war von den amerikanischen Truppen als friedliches Dorf eingestuft worden. Daran hatte vermutlich der damalige Bürgermeister Richard Walther (1912-1945) großen Anteil. So erfolgte die weitere Besetzung unseres Ortes ohne besondere Geschehnisse. Für die amerikanischen Besatzungstruppen mussten viele Häuser im Ort freigezogen werden. Der nachfolgende Grünaer Bürgermeister Eugen Baldauf (1945-1954) berichtete von ganzen Straßenzügen. Die einheimischen Bürger mussten in benachbarten Häusern, bei Bekannten oder Verwandten unterkommen und übernachten, wie dies auf der Oberen und Unteren Bergstraße und der Hindenburgstraße (ungerade Hausnummern) der Fall war.

Am 17. April 1945 wurde in Grüna durch den Kommandierenden der amerikanischen Militäreinheit nachstehende Bekanntmachung an die Bevölkerung veröffentlicht 

In den nächsten Tagen kamen weitere Truppeneinheiten mit über 40 schweren Panzern, vermutlich auch aus Richtung Wüstenbrand. Sie fuhren die Bergstraße hoch, zerstörten dabei an der Unteren Bergstraße einzelne Gartenzäune und vorher Straßenbeschilderungen. Sie nahmen Stellung auf den Wiesen und Äckern entlang des Waldrandes am Südhang des Totensteines. Die Rohre waren auf die Stadt Chemnitz gerichtet, die eingenommen werden sollte. Es kam jedoch zu keinem Beschuss.

Die Stadt wurde erst kurz nach dem 8. Mai 1945 nach mehreren Verhandlungen der amerikanischen mit den russischen Militärbefehlshabern (unter zeitweiliger Beteiligung der damals amtierenden Oberbürgermeister) durch sowjetische Militär- und Polizeitruppen besetzt. In einem Bericht wird u.a. erwähnt, dass vor dem 8. Mai mehrere Male vom Chemnitzer Oberbürgermeister und anderen Persönlichkeiten versuchte wurde, in Grüna den amerikanischen Militärkommandanten zwecks Konsultationen und Übergabe von Dokumenten zu erreichen. Am unteren Ortseingang Grüna am Beginn der Neefestraße wurden sie vom amerikanischen Grenzkontrollposten aufgehalten. Der Weg von und nach Chemnitz war in beide Richtungen für die Bürger versperrt. Dort, wo heute wieder eine Tankstelle steht, befand sich mehrere Tage die Grenze zwischen amerikanisch besetztem Gebiet in Grüna und zeitweise unbesetztem Gebiet in Reichenbrand.

Die amerikanischen Truppen waren im April 1945 nur bis zum unteren Ortsausgang Grüna vorgerückt. Die Demarkationslinie verlief von dort aus weiter zum Grenzweg und dann zwischen die Gartensparten „Eigener Fleiß“ und „Waldesluft“ in den Wald. Später wurde die Grenze weiter östlich zum ehemaligen Volksgut „Höckericht“ an der Autobahnbrücke in Siegmar–Schönau verlegt. Bis zum Abzug der amerikanischen Truppen befand sich dort die Grenze zwischen der amerikanischen und der  sowjetischen Besatzungszone.

In Grüna gab es während der amerikanischen Besatzungszeit mehrere Kommandanturen oder Kommandostäbe. Eine Kommandantur befand sich von Mitte Mai 1945 bis zum Abzug der Truppen in der ehemaligen Villa von Robert Müller, Chemnitzer Straße 73, neben der Grünaer Kirche. Dort war auch die amerikanische Fahne gehisst.

Eine weitere Kommandantur war im Gebäude der Fabrik Carl Winkler, Baumgartenstraße 19, ein  Kommandostab oder Stützpunkt befand sich im Gelände der ehemals Abel´schen Fabrik, Chemnitzer Str. 13. Dort hatte man im Ort die meisten Truppen stationiert. Das Grünaer Rathaus wurde bewacht. Im Hinterhof des Gebäudes mussten Waffen, Sendegeräte und andere Gegenstände abgeliefert werden. (1996 fand man dort noch Gewehrmunition)

Die amerikanischen Truppen gruben nahe ihrer Stellungen in die Wiesen und Äcker oder Gärten der Häuser etwa 50cm tiefe Löcher, in denen sie verschiedene Sachen kurzfristig aufbewahrten. Wir Kinder konnten meist bis an die Truppen heran und dies beobachten. Einzelne Soldaten gaben uns Kekse, Malze, Schokolade oder auch andere Nahrungsmittel, oft in Büchsen

Das Verhalten der Truppen zur erwachsenen Bevölkerung war unterschiedlich. Ein großer Teil der Besatzer verhielt sich relativ friedlich und wenig aggressiv. Einige Soldaten fielen durch anmaßendes und freches Wesen auf. So legten sich manche Soldaten mit ihrem Schuhwerk einfach in die Betten der besetzten Häuser. Größere Ausschreitung gegen deutsche Bürger in Grüna wurden nicht bekannt. Ein Teil der jüngeren Frauen hielt sich versteckt, einzelne wenige kokettierten auch mit amerikanischen Soldaten. Vielfach kamen die Soldaten auch in Geschäfte, zu Bauern oder anderen Bürgern und verlangten dort die Herausgabe von Wein, Spirituosen oder Nahrungsmitteln wie Eier, die vermutlich nicht oder weniger in ihrem Proviant waren. In das Kolonialwarengeschäft meines Vaters kam ein amerikanischer Soldat und verlangte mit vorgehaltener Schusswaffe Wein. Nachdem er sich überzeugt hatte, dass wir im Keller davon nichts mehr hatten, ging er in unsere Küche, langte in einen Brattiegel und kostete einen „Kartoffelpuffer“, der ihm offenbar nicht schmeckte. Er klitschte diesen auf meinen Kopf und verschwand wieder.

Bis 12. Mai mussten die Fenster verdunkelt bleiben. Nachts streiften amerikanische Posten und andere Einsatzkommandos durch den Ort. Sie hatten Schuhwerk mit Gummisohlen an und waren kaum zu hören. Es erfolgten auch Hausdurchsuchungen, wertvolle Rundfunkgeräte mussten abgegeben werden. Sie wurden als „Beutegut“ einbehalten.

Die amerikanischen Truppen legten nach ihrer Ankunft Feldtelefonleitungen entlang der Straßenränder. Auch der hiesige Drahtfunk wurde genutzt, der damals zum Teil mit Telefon gekoppelt war. Für die Einwohner war aller Telefonverkehr bis Ende Mai 1945 verboten. Einzelne Bürger versuchten, Telefonverbindungen abzuhorchen und beschädigten dabei Leitungen. Die Ortskommandantur beschwerte sich beim Bürgermeister.

Nach der Besetzung unseres Ortes durfte keiner mehr Uniform tragen. Polizisten und Gendarmerie, die Post- und Eisenbahnangestellten, die Feuerwehr und sogar die Leichenträger mussten sich zivil kleiden und eine weiße von der Kommandantur ausgegebene Armbinde tragen.

Am 1. Mai 1945 mussten sich alle ehemaligen deutschen Wehrmachtsangehörigen im Rathaus melden, am 6. Mai 1945 alle weiteren Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren in der Turnhalle. Wer von den Wehrmachtsangehörigen sich nicht meldete, wurde als Spion betrachtet. Ein Teil leistete dem Befehl trotzdem keine Folge. Die meisten Männer brachte man, ohne dass den Angehörigen noch Bescheid gegeben wurde, in Fahrzeugen nach Bad Kreuznach in ein Gefangenenlager. Einige überlebten die mehrwöchige Gefangenschaft und Hungerzeit nicht.

Die bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945, dem Kriegsende, wurde im Ort von der Bevölkerung nur durch Meldungen aus den noch verbliebenen Rundfunkgeräten bzw. dem Drahtfunk wahrgenommen. Zeitungen und andere Informationsmittel gab es nicht.

Die amerikanische Besatzungsmacht übte weiterhin uneingeschränkte Hoheit und Regierungsgewalt über die Gemeinde und das Land aus. Im Ort eingerichtete Kommandanturen, Kommandostäbe und Truppen blieben im Wesentlichen bestehen. Auch nach dem 8. Mai 1945 herrschte Versammlungsverbot. Veranstaltungen durften nur mit Genehmigung der amerikanischen Kommandantur durchgeführt werden.

Anfang Juni wurden von der obersten amerikanische Militärregierung in Glauchau die ersten strukturellen Maßnahmen durchgeführt. Mit Kommandobefehl Nr. 5/45 vom 2. Juni 1945 erklärte die Militärbehörde einen Teil des bisherigen Landkreises Chemnitz zu einem neuen selbstständigen Landkreis Limbach, zu dem gehörte auch Grüna neben 16 anderen Gemeinden. Auch ein neuer Landrat war eingesetzt worden. Alle Bürgermeister dieser Orte mussten sich bis 6. Juni 1945 unter Angabe ihrer Fernsprechnummer, ihrer Adresse sowie der zuständigen amerikanischen Ortskommandantur bei dem neuen Landratsamt in Limbach melden. Damit waren die Bürgermeister der einzelnen Orte bestätigt. In der Gemeinde Grüna amtierte noch der bisherige und nun erneut zugelassene Bürgermeister Richard Walther.

Auch im Bestand und der Struktur der Gemeinde Grüna änderte sich vorerst wenig. Die Gemeindeverwaltung war die gleiche geblieben. Es fanden keine Gemeinderatssitzungen statt. Die meisten aktiven NSDAP-Mitglieder im Ort hatten sich, nachdem abzusehen war und bekannt wurde, dass diese festgenommen und bestraft werden sollten, bereits vorher abgesetzt. Die oberste Militärkommandantur in Glauchau ließ sich dazu über das neue Landratsamt von einem Delegierten der in den Gemeinden bestehenden „Anti-Nazi-Bewegung“ Bericht erstatten.

 

Foto Stadtarchiv Chemnitz

In Grüna hatte sich Ende April 1945 das „Nationalkomitee freies Deutschland“ aus Mitgliedern der KPD und der SPD unter Eugen Baldauf/KPD, dem nachfolgenden Grünaer Bürgermeister, gebildet. Später formte sich ein Beirat, ebenfalls aus Mitgliedern der KPD und SPD, der alle „vordringlichen Fragen außerhalb des Rahmens der engeren Verwaltungstätigkeit liegend“ bearbeiten sollte. Das Komitee und der Beirat versuchten, das Leben im Ort zu normalisieren und die Entwicklung in der Gemeinde in Verbindung mit dem bisher amtierenden Bürgermeister Richard Walther weiter zu gestalten. Die amerikanische Besatzungsmacht duldete anfangs ihre Tätigkeit. Der Vorsitzende des Komitees Baldauf berichtete, dass es jedoch schwierig war, unter den gegebenen Verhältnissen und in zwangsläufiger Abhängigkeit von der Besatzungsmacht eine zielgerichtete notwendige Verwaltungstätigkeit durchzuführen.

Das Leben im Ort war von großer Unsicherheit geprägt. Niemand wusste, was weiter passiert und wie es weiter gehen sollte. Wirtschaft, Transport und Versorgung waren total zusammengebrochen. Die Arbeit und Produktion in den Betrieben ruhte. Viele Familien waren auseinander gerissen.

Die Ernährung drohte sich weiter zu verschlechtern. Das Angebot in den Geschäften reichte für die Bevölkerung längst nicht mehr aus. Tagsüber hatten deshalb nur noch wenige Lebensmittelläden auf. Fast alle Erzeugnisse waren nur noch auf Lebensmittelmarken, Bezugsscheine oder sogen. RTE-Marken zu erhalten, letztere vorzugsweise für Flüchtlinge und durch Bomben geschädigte Bürger aus Chemnitz.  Ab Juni 1945 wurde die Ausgabe in vielen Fällen auf Veranlassung der amerikanischen Militärregierung wie auch des Landratsamtes ganz eingestellt, da es keine Waren mehr gab. Die Einwohner im Ort mussten sich durch „Hamsterfahrten“ in ländlichere Gegenden, durch Eigenanbau, Tausch- und auch Schwarzhandel weitgehend selbst versorgen.

Auf den Straßen war ein Kommen und Gehen. Immer mehr Menschen, Kriegsheimkehrer, Flüchtlinge, Fremdarbeiter sowie ehemalige Kriegsgefangene, kamen und suchten Nahrung, Übernachtung bzw. Wohnung. Sie verließen unseren Ort in den meisten Fällen wieder. Not und Elend nahmen zu und damit auch Diebstahl, Plünderungen, Kriminalität, Tausch- und Schwarzhandel.

Die Tätigkeit der Gemeinde, des Komitees und des Beirates war geprägt von der katastrophalen Lage im Ort. Neben den befehlsmäßigen Aufgaben der Besatzungsmacht galt es, in erster Linie die Ernährung zu verbessern und Unterkunft bzw. Wohnraum für die zunehmende Zahl an Menschen zu schaffen. Aufgrund der Ernährungslage fand am 6. Mai 1945 eine Besprechung mit hiesigen Bauern statt. Alle Landwirte mussten kommen. Nichterscheinen galt als Sabotage. Man stellte fest, dass von den Bauern im Ort das Getreide bereits im Herbst vollständig abgeliefert worden war und keinerlei Getreide- oder Mehlvorräte mehr zur Verfügung standen. Die Brot- wie auch die Kartoffelversorgung war für die gestiegene Einwohnerzahl von etwa 8400, davon 2300 Flüchtlinge, nur noch eine Woche gesichert. Am 8. Mai 1945 wandten sich der Bürgermeister Walther und das Komitee an den Landrat in Glauchau um Hilfe und Unterstützung. 400 Zentner Meh lwurden gebraucht, um die Versorgung im Ort um kurze Zeit zu gewährleisten. Wie lange die Lebensmittel reichten ist nicht bekannt. Der Vorsitzende des Komitees und spätere Bürgermeister Baldauf berichtete, dass trotz der schwierigen Besetzungslage später auch die Herbeischaffung von Ernährungsgütern aus ländlicheren Gütern gelang.

Die Transporte waren immer mit großen Schwierigkeiten verbunden. Es gab kaum Fahrzeuge und Kraftstoffe. Viele private Fahrzeuge waren im Krieg eingezogen worden. Die amerikanische Militärbehörde hatte alle Fahrzeuge, auch Fahrräder, der deutschen Wehrmacht beschlagnahmt. Diese in Eigentum der amerikanischen Besatzungsmacht übergegangenen Fahrzeuge durften nicht einmal von den neu gebildeten Polizei- und Gendarmeriedienststellen benutzt werden. Einzelne im Ort noch fahrbereite Fahrzeuge wurden auf unbestimmte Zeit beschlagnahmt und für andere Zwecke, wie Transport von Fremdarbeitern, eingesetzt. Sie waren oft danach nicht mehr betriebsfähig.

Auch konnten die Fahrten und Transporte in andere Orte aufgrund der unterschiedlichen Truppenbesetzungslage immer nur mit besonderem Passierschein der Kommandantur erfolgen. Nach Chemnitz war während der gesamten amerikanischen Besatzungszeit die Verbindung auch für Nahrungsmitteltransporte gesperrt. So konnten bisherige Vereinbarungen zur Lieferung von Mehl von Chemnitzer Mühlen und von Milchprodukten durch Chemnitzer Molkereien nicht realisiert werden.

Neben der Ernährungsfrage gestaltete sich die Wohnungssituation immer schwieriger. Viele Menschen unterschiedlicher Herkunft mussten miteinander Nahrung und Unterkunft teilen.

Die amerikanische Militärregierung in Glauchau, die auch für den Landkreis Limbach zuständig war, half zunächst nur bedingt, indem sie sich ab Juni 1945 über das Landratsamt von den Gemeinden wöchentlich Berichte über die vorhandenen Nahrungsmittel im Ort, die Entwicklung der Einwohnerzahl und den Krankenstand einschließlich vorhandener Hygienemittel zusenden ließ.

Zudem musste Verbindung zu den frei gewordenen Kriegsgefangenen und Fremdarbeitern aufgenommen werden, um Plünderungen und Ausschreitungen zu vermeiden. Ganze Kolonnen von Belgiern, Franzosen, Ostarbeitern und andere Unbekannte zogen auf eigene Faust und Gefahr ihrer Heimat zu. Einzelne frei gewordene Gefangene versuchten in Keller einzubrechen, um dort zu Nahrungsmitteln und anderen Gütern zu gelangen.

Anfang Mai rief das Komitee alle Bürger zur Mitarbeit und zum Wiederaufbau des Orts auf. Die erste Bekanntmachung, an alle Antifaschisten gerichtet, wurde von der amerikanischen Kommandantur genehmigt. Später als sich das Komitee anschickte, ein im damaligen Abel´schen Betrieb vorhandenes Marinebekleidungslager aus der nationalsozialistischen Zeit zur Verteilung für die Bevölkerung auszuheben und einen zweiten, konkreter gefassten Aufruf veröffentlichen wollte, verbot die amerikanische Kommandantur jedes selbstständige Handeln. Die Hintergründe sind nicht bekannt. Die Kommandantur genehmigte jedoch den Verkauf von Marinestoffen an die Bevölkerung, kassierte aber, so Baldauf, einen nicht geringen Teil der Erlöse. Mit dem Abzug der amerikanischen Truppen musste der Verkauf eingestellt werden. Die nachfolgenden sowjetischen Truppen beschlagnahmten alle Stoffe als „Beutegut“.

Die amerikanischen Truppen verließen am 13./14. Juni unbemerkt unseren Ort. Die Panzer auf den Äckern am südlichen Waldrand hatte man bereits vorher abgezogen. Die Äcker waren dabei so verwüstet worden, dass in der nachfolgenden Zeit nur notdürftig etwas darauf angebaut werden konnte. Auch verschiedene Straßen, besonders die Untere Bergstraße, waren für einen Verkehr unbrauchbar geworden.

Die Publikation wird fortgesetzt mit einem Beitrag über den Beginn der sowjetischen Besatzung in Grüna 1945.

 

Christoph Ehrhardt , Ortsanzeiger Grüna / Mittelbach 2015

(Fotos: Stadtarchiv Chemnitz)

 

Kindheitserinnerungen


Der Artikel von Herrn Ehrhardt im letzten Ortschaftsanzeiger hat mich an meine Kindheit erinnert. Geboren und aufgewachsen bin ich in Grüna, Pleißaer Straße 17. Meiner Familie gehörte die Strumpffabrik Unger auf der Dorfstraße 164 (später Polytechnisches Zentrum). Während der amerikanischen Besatzungszeit war ich knapp neun Jahre alt. Ich erinnere mich, dass wir im Wohnhaus Flüchtlinge aufgenommen hatten, drei Frauen mit fünf Kindern.

Dann die zusätzliche Aufregung: Die Amerikaner wollten sich bei uns einquartieren. Meine Mutter hatte schnell das Wichtigste gepackt und gegenüber beim Türk-Bauer in der Scheune untergestellt. Da kam meinem Onkel Otto Unger, der einige Zeit in den USA gelebt hatte, die rettende Idee. Er wusste, dass sich die Amerikaner vor Krankheiten fürchten. Mit Dr. Muhlert und der Krankenschwester Dora (der Schwägerin von Herrn Otto Unger) im Bunde ließen wir die Besatzer wissen, dass die Flüchtlinge ansteckend erkrankt sind – Diphterie oder Scharlach kam ja häufig vor.

Ins Haus kamen sie nicht. Aber die Ausgangssperre ab 18 Uhr wäre uns fast zum Verhängnis geworden. Meine Mutter und ich hatten die Zeit verpasst. Ein Amerikaner griff uns auf und trieb uns mit seinem Gewehr im Anschlag vor sich her. Mein Onkel wollte uns zu Hilfe kommen, auch er wurde mit der Waffe bedroht. Nur weil der Soldat noch einen Mann in einem Garten entdeckte und mitnehmen wollte, konnten wir fliehen und uns über Nacht verstecken.

Später wurde ein russischer Offizier mit Frau bei uns kurzzeitig einquartiert. Gemeinsam wurde in unserer Küche gekocht. Wir haben das uns unbekannte Essen probiert, aber mehr erinnere ich mich daran, wie das ganze Hause nach Kohl gestunken hat.

Eingeprägt hat sich in meinem Gedächtnis auch das Bild, als im Herbst 1945 der Teich beim Türk-Bauer abgelassen wurde. Was da zum Vorschein kam – man hätte meinen können, ganz Grüna wäre bewaffnet gewesen.

Von meinem Vater hörten wir durch das DRK erst 1947 etwas, er war in Frankreich inhaftiert.


Sigrid Gerlach geborene Seim
wohnhaft in Taunusstein (Hessen)