Geschichte der alten Oberförsterei


Im Jahre 1811 wurde das einstige Oberförstereigebäude an der Forststr. 8 errichtet – die Wohn- und Wirkungsstätte des Grünaer Luftpioniers und Oberförsters Georg Baumgarten von 1871 bis 1882 und die jetzige Kindertagesstätte „Baumgartenhaus.

Das Baujahr geht aus dem an der Südseite des Hauses eingemauerten Türschlussstein hervor. Bauherr war Friedrich Christian Aurich, dessen Name ebenfalls abgekürzt eingemeißelt wurde. Der vermögende Gutsbesitzer (vermutlich auch Faktoreibesitzer) besaß auf der damaligen Rittergutsseite ein Gehöft mit ½ Hufen Land (Feld, Wiese und sog. „Holzboden"), das in einem Geländestreifen von der jetzigen Dorfstraße bis zum Waldrand reichte.

Was den Gutsbesitzer bewog, das im klassizistischen Stil gestaltete und seit über 50 Jahren unter Denkmalschutz stehende Wohngebäude zu errichten, ist nicht bekannt. Es kann angenommen werden, daß das zweigeschossige Gebäude an der Südseite für die aufkommende Handkulierwirkerei genutzt werden sollte, aber auch für Wohnungen, die im Ort fehlten. Der Name Friedrich Chr. Aurich wird noch 1835 im „Flurverzeichnis des Dorfes Grüna" erwähnt. Etwa ab Mitte des 19. Jahrhundert ging die Bauernwirtschaft in den Besitz des Strumpffabrikanten Herrman Friedrich Seim über.

Älteste Darstellung der Oberförsterei um 1900, das westliche Gebäude fehlt bereits, der Zaun ist gut zu erkennen.


In dieser Zeit begann die königliche sächsische Forstverwaltung von den umliegenden Gemeinden zu dem „Rabensteiner Forst" weitere Landflächen zu kaufen. Um 1871 zog Georg Baumgarten, vorher in Pleißa als Oberförster tätig, in das Wohngebäude ein. Aber erst 1873 erwarb der Sächsische Staatsforst von Hermann Friedrich Seim die Gutswirtschaft mit den dazugehörigen Landflächen für Oberförsterei. Das Gehöft umfasste damals vier Gebäude, das Gelände war noch frei und unbewaldet, nur nördlich war das z. Teil sumpfige Wiesen- und Weideland vermutlich mit Erlen bewachsen. Auf der Wiese vor der Oberförsterei nach der Dorfstraße zu war ein kleiner Teich, der allmählich austrocknete und nur bis zur Jahrhundertwende 1899/1900 vorhanden war.

Am 10. Januar 1882 mußte Baumgarten seine Wohn- und Wirkungsstätte in der Oberförsterei verlassen, weil er das Verbot der übergeordneten Dienstbehörde in Dresden missachtet und seine Flugversuche fortgesetzt hatte. Als neuer Oberförster wurde Friedrich Ernst Heber eingesetzt, der bis 1893 im Amt war.

Außer von Georg Baumgarten wurde das Gebäude damals noch von dem Strumpffaktor Richard Schilling bewohnt, der wie vorher Herrman Seim Kulierstrümpfe oder Kulierhandschuhe herstellte und vertrieb. Das Gebäude mit seinen großen Fenstern an der Südseite war für die Aufstellung von Kulierwirkstühlen gut geeignet.

Das Wohngebäude der alten Oberförsterei befand sich vor Baubeginn hinsichtlich seiner originalen Bausubstanz im weitgehend unberührten Zustand. Raumaufteilung, Wölbungen, Stukkatur, Türen. Treppenaufgang, z.T. sogar originale Kreuzstuckfenster waren noch in der ursprünglichen Form erhalten.

 

1882 wurde der alte seit der Ortsbesiedlung bestehende Wirtschaftsweg, der von der heutigen Feldstraße aus an der Südseite des Oberförstereigebäudes vorbei zu den weiter westwärts gelegenen Bauernwirtschaften führte, durch die staatliche Forstverwaltung „eingezogen". Um das Gelände herum wurde ein Zaun errichtet, was den heftigen Protest der im Nachbargebäude Forststraße 5 wohnenden Strumpfhersteller Schilling und Strickmaschinennadelfabrikant Ch. Kreißig hervorrief. Beide zerstörten den Zaun, um den Wirtschaftsweg wieder freizumachen. Dies zog ein Gerichtsverfahren im Jahre 1883 nach sich. Sie mußten den Zaun wieder herstellen und Strafe bezahlen. Der Grünaer Gemeinderat war gegen das Urteil, konnte beiden Bürgern jedoch nicht helfen. Auch die hinter dem Teich nördlich gelegenen feuchten Wiesengrundstücke wurden damals bis zum Wald hin durch Zaun abgetrennt. Es entstand die heutige noch im Umriss bestehende Grundstücksfläche der Oberförsterei.

Der ursprüngliche Eingang zum Wohngebäude an der Südseite, wo sich der Türschlussstein befindet, wurde nicht mehr benutzt, ein neuer Zugang zur Oberförsterei von der Dorfstraße aus geschaffen (die heutige Forststraße 8).

Ab Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Forstgut nur noch durch die königliche Forstverwaltung genutzt. Von 1893 – 1898 war Friedrich August Lieske Oberförster. Außer ihm waren 1897 noch ein „prädistinierter. Forstassessor", zwei „königliche Förster" und ein Waldwärter beschäftigt, die z.T. in Wüstenbrand und in Neukirchen stationiert waren.

Nach der Jahrhundertwende bestand das Oberförstereigut nur noch aus drei Gebäuden, das westwärts gelegene Gebäude am heutigen Eingang war abgerissen worden. Im 1. Stock des Wohn- und Herrenhauses war das „Zimmer des Herrn" mit Salon, während sich die Zimmer für Gehilfen und andere Bedienstete im Erd- oder Dachgeschoß befanden. Im Hintergebäude hatte man die Pferde für Fuhrdienste sowie auch Federvieh untergebracht.

Um das Oberförstereigelände hatte man einen „Kreuzspiegelzaun" mit 2,50 m hohen Steinsäulen und an der Südseite eine repräsentative Mauer mit 2,20 m hohem Lattenzaun errichtet Die hohen Steinsäulen sind zum Teil heute noch zu sehen. Der einstige Park ist nur noch auf Zeichnungen zu erkennen. Es gab einen Obst- und Gemüsegarten, einen Ziergarten, Springbrunnen und ein Gartenhäuschen. Ein großer Teil der Gehölze waren erst gepflanzt worden. Der alte Teich im nördlichen Teil des Parks besteht heute noch. In der nach dem Walde zu gelegenen Wiese wurde ein Wasserversorgungssystem mit Holzröhren angelegt. Der als Denkmal geschützte Wasserverteiler ist nur noch auf alten Abbildungen zu erkennen.

Weitere Oberförster waren 1898-1912 Friedrich Wilhelm Menges, 1912-1914 Wilhelm August Reschuh, 1914–1928 Reinhardt Simmig, 1928-1932 Johannes Schmidt. Durch die Oberförsterei wurde das damalige Staatsforstrevier „Rabensteiner Wald" verwaltet. Ab 1927 lautete die Bezeichnung in den Einwohneradressbüchern nur noch „Forstamt". Ab 1932 wurde das gesamte Forstrevier mit Oberförsterei auf Antrag des in Ruhestand tretenden Forstmeisters Simmig vom staatlichen Forstamt Stollberg/Erzg. übernommen. Danach verwaltete Dr. Karl Schmidt bis 1945 das Revier.

Nach Kriegsende gab es zeitweise keinen Förster. Das Oberförstereigut wurde aufgrund der damaligen Wohnungsnot mehr und mehr für Wohnzwecke insbesondere für Flüchtlinge benutzt. 1949 fiel das gesamte Forstrevier einschl. Oberförsterei nach Auflösung der selbstständigen Gutsbezirke der Gemeinde Grüna zu. Im Wohnhaus hatte man seit 1951 einen Holzfäller als Verwalter eingesetzt. Außerdem gab es noch eine Dienstwohnung. In der Oberförsterei wohnten 1952 neun Familien mit insgesamt 25 Personen, davon fast die Hälfte „Umsiedler".

Am 1.1.1952 wurde das gesamte Forstrevier einschl. Oberförsterei im Zuge der Verwaltungsreform dem staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb Flöha angeschlossen. 1954 richtete man in dem Wohngebäude der Oberförsterei anläßlich des Schul- und Heimatfestes zum 117. Geburtstag des Oberförsters und Flugpioniers Georg Baumgarten ein Gedächtniszimmer mit Ausstellung ein. Es wurde in den 60er Jahren aufgelöst.

1958 kam die Oberförsterei wieder unter die Verwaltung der Gemeinde Grüna. Das gesamte Gelände des verwahrlosten Oberförstereiparks wurde im Rahmen des freiwilligen Aufbauwerkes der Nationalen Front für die Einwohner von Grüna als Erholungsstätte in Ordnung gebracht. Es wurden neue Fußwege angelegt, Gestrüpp entfernt, neue Bäume gepflanzt, Teich und Wassergräben erneuert und das kleine Luisenhaus wieder hergestellt. Die Zäune und andere Begrenzungen wurden erneuert bzw. verändert Auch ein Kinderspielplatz entstand.

Im Wohngebäude der Oberförsterei waren damals sieben Wohnpartner untergebracht. Eine weitere Wohnung wurde im Hintergebäude eingebaut. Noch 1967 waren das Wohnhaus und die Nebengebäude zeitweise mit 20 bis 22 Personen belegt. Das Gelände der Oberförsterei wurde in den kommenden Jahren als Spielfläche für die Jugend genutzt. 1984 wurden an der Nord- und Ostseite die Zäune, Sträucher und das „kleine Häuschen" entfernt. 1986 entschlämmte und sanierte man den alten Teich im Norden des Parks, dessen Damm durch ein Unwetter stark aufgerissen war. Die oberhalb des Parks gelegene Wiese wurde von der LPG Tierproduktion „Karl Marx" als Weidefläche genutzt.

Am 21.1.1987 wurde zum 150. Geburtstag vom Georg Baumgarten am Wohnhaus in der Oberförsterei eine Gedenktafel angebracht. Anlässlich des 725jährigen Ortsjubiläums 1988 war beabsichtigt, das Oberförstereigebäude mit Park vollständig wieder instand zu setzen. Mit einem finanziellen Aufwand von etwa 15.000 Mark konnten nur die wichtigsten Reparaturleistungen am Wohnhaus durchgeführt werden, u. a. die neue farbliche Gestaltung der Fassade, Anbringung neuer Fensterläden und –bleche sowie Dachentwässerung. Am Hofeingang wurden neue Tore bzw. Türen angebracht.

Bis zur politischen Wende 1990 war das Wohngebäude noch von sechs Wohnpartnern belegt. Selbst im Hintergebäude hatte man 1988 noch zwei weitere Wohnungen ausgebaut.

Nach 1990 sollte in der Oberförsterei ein Hotel mit Gaststätte eingerichtet werden. Die Pläne zerschlugen sich. Die Oberförsterei kam 1993 in den Besitz des Freistaates Sachsen. 1997 wurde die Oberförsterei durch Kauf Eigentum der Grünaer Baufirma Nitzsche & Weiß Immobilien GmbH. Geplant war zu dieser Zeit ein neues Bad anstelle des damals stillgelegten Sommerbades Grüna. Nach Insolvenz der Baufirma übernahm die Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Chemnitz e.V. (AWO) die Liegenschaft der ehemaligen Oberförsterei. Am 26. Oktober 2007 erfolgte nach langen Beratungen des Ortschaftsrates Grüna und der AWO mit dem Jugendamt der Stadt Chemnitz und anderen Behörden über die Möglichkeiten verschiedener Bauvarianten der erste Spatenstich für den Bau der neuen Kindertagesstätte. Am 29. August. 2009 wurde das Objekt eingeweiht.

Eines der wertvollsten klassizistischen Herrenhäuser Südwestsachsens wurde damit erhalten.

Christoph Ehrhardt, Ortschronist